Gewaltfreier Umgang mit Tieren

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oeff oeff
Fleißmeise
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Gewaltfreier Umgang mit Tieren

#1 Beitragvon oeff oeff » Fr 28. Nov 2014, 19:00

Ich schrieb folgende Mail an einen meiner Freunde:

Lieber X!

Anke liegt das Thema "Cesar Millan" ja sehr am Herzen. Ihr habt wohl heute mal darüber telefoniert...
Sie bat mich, Dir folgenden Beitrag aus einer Facebook-Gruppe
GEGEN Cesar Millan den ''Hundeflüsterer''
zuzusenden... (Unten unter meiner Unterschrift rein-kopiert...)
Und sie meint, sie habe Dir mal ein Buch von Thomas Riepe zukommen lassen -- wo es sie sehr freuen würde, wenn Du da mal Zeit für finden könntest...
Wobei ich Ihr schon sagte, dass viele Leute eben nicht mal eben Zeit haben, ein Buch durchzulesen (ich hab das Buch auch noch nicht gelesen...), und dass es besser ist, wenn sie ihre zentrale Aussage-Absicht zu einem fokussierteren Häppchen verpackt...
Sie zeigte mir Einiges, und ich denke, dass der folgende Video-Abschnitt ( https://www.youtube.com/watch?v=9ihXq_WwiWM ) in Verbindung mit dem Fachzeitschrift-Artikel von Riepe im Anhang relativ günstiges Info-Material dazu darstellt, was sie sagen will...

Ich umarme Dich,
Dein Öffi

PS: Nach dem, was ich mittlerweile mitbekommen habe, arbeitet Millan als Grund-Methode meist mit aktiver Bestrafung und 'Durchsetzung des Stärkeren' statt mit Belohnung (Leckerlis etc.) und sozusagen für den Hund 'attraktivem Lern-Spiel' ('positiver Verstärkung'), und wendet dabei z.T. wirklich massiv gewalttätige Methoden an, obwohl gewaltfreiere Alternativen möglich sind... Wissenschaftliche Standpunkte stehen dieser Vorgehensweise von ihm, die allerdings recht medien-attraktiv rüberkommt, wohl sehr kritisch gegenüber...
Ich bin natürlich der Auffassung, dass alles in richtiger Verhältnismäßigkeit zu betrachten ist: Krieg, brutales Sterbenlassen von Kindern in Dritter Welt, Schlachthäuser, Tier-Versuche usw. sind noch ein anderes Kaliber... Und ich vertrete ja auch skeptische Standpunkte gegenüber Nutz- und Haustier-Haltung allgemein...
Aber ich bin der Ansicht: Wenn schon Tiere für menschliche Interessen in gewissem Maße 'künstlich' in die menschliche Zivilisations-Welt 'rein-gedrückt' werden, sollte mensch sie dabei äußerst liebevoll statt gewalttätig behandeln, vor allem wenn es eine Wahl gibt und das Gewaltfreie auch das Effektivere ist (bzw. vielleicht sogar das einzig nachhaltig Effektive sind, und die Gewalt-Methoden in Gesamt-Sicht uneffektiv oder gar schädlich)...


GEGEN Cesar Millan den ''Hundeflüsterer''
vor 2 Stunden
Eine Bitte:
Wir freuen uns, dass die Beachtung dieser Seite stetig zunimmt. Doch beachtet und registriert zu werden, bedeutet auch: Viele CM-Befürworter sind auf dieser Seite. Natürlich heißen wir sie hier willkommen, denn wo sollten sie sich besser über die tierschutzrelevanten Erziehungsmethoden von CM wie würgen, e-schocken, kicken, anwenden von Stachelhalsbändern, psychische Gewalt, überholte Rudeltheorien und....... informieren. Genau dafür wurde diese Seite erstellt. Wir möchten Menschen aufklären, die sich durch das Medium “Fernsehen” so beeinflussen lassen, dass ihr Bauchgefühl ausgeschaltet wird. Das Bauchgefühl, das einem sagt: Es ist nicht richtig, Hunde so zu behandeln. Es ist nicht richtig, meinen Kumpel, meinen Freund, mein Familienmitglied oder einfach nur meinen Hund, zu würgen, zu treten, mit Stachelhalsband oder Elektrohalsband gefügig zu machen. Es ist nicht richtig, die totale Kontrolle über Fritz, Paul, Waldi oder Dina anzustreben und sie durch psychische und physische Gewalt in willenlose Zombies zu verwandeln. Die hoffen: Es muss doch auch anders funktionieren, dass Hund und Herrchen/Frauchen ein gutes Team werden. Bitte habt Geduld mit ihnen und bleibt wenigstens annähernd sachlich, auch wenn es manchmal schwer fällt. Oft fehlen die fachlichen Hintergründe, oft sind sie an die falschen Trainer geraten, oft ist es einfach Unwissenheit oder Hilflosigkeit, weil sie einfach nicht weiter wissen. Fallt nicht über sie her, auch wenn sie provozieren, schimpfen oder beleidigen. Wir sind gegen Gewalt an Hunden, helft mit, auch seine Befürworter unsere Einstellung spüren zu lassen. Für eure Unterstützung, sie auf den rechten Weg zu bringen, danken wir euch ganz herzlich. Wir haben alle Argumente auf unserer Seite, wir müssen nur erreichen, dass man uns zuhört, alles andere ergibt sich von selbst. Ma


[Darunter war noch ein Bild eines zähnefletschenden kleinen Hundes, worunter stand: "Du kannst Dich jederzeit entscheiden, wie Du die Worte Deines Gegenübers aufnimmst, die Macht liegt bei Dir." Dr. Marshall Rosenberg ]


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Der Artikel von Thomas Riepe, der in den Anhang gestellt war:

Hundemagazin WUFF 7-8/2013 | 39

Cesar Millan
Phänomen oder Polarisieren
als Mittel zum Zweck?

Von Thomas Riepe

Im amerikanischen Fernsehen schon seit mehreren Jahren bekannt
und bei uns seit einiger Zeit mit steigendem Bekanntheitsgrad: Der
„Hundeflüsterer“ Cesar Millan, der aufgrund seiner Methoden mit
Hunden zu arbeiten stark polarisiert und die Welt der Hundehalter
in zwei Lager spaltet. Hundepsychologe Thomas Riepe unternimmt
den spannenden Versuch einer Annäherung an einen sehr umstrittenen
Hundetrainer und dessen Methoden, aus der Sicht der Verhaltensbiologie,
des Medienverhaltens und der Sozialpsychologie.
Im Folgenden werden einige
Aspekte des Phänomens Cesar
Millan beleuchtet, die einen
Ansatz liefern können, warum dieser
Mann so viele Menschen in seinen
Bann zieht, aber warum er auch mindestens
genauso viele entschiedene
Gegner hat. Grundlagen für diese
sachliche Auseinandersetzung sind
unterschiedliche Aspekte, die zusammengenommen
Erklärungsansätze
liefern können. Bei den Aspekten handelt
es sich unter anderem um verhaltensbiologische
Betrachtungen einiger
Ausschnitte aus der Arbeit des Cesar
Millan, aus Informationen rund um das
Medium Fernsehen und um sozialpsychologische
Aspekte, die man bei
solchen Phänomenen nicht außer Acht
lassen sollte – wahrscheinlich sind sie
sogar der wichtigste Aspekt!
Verhaltensbiologie
Doch beginnen wir einmal mit der
Arbeit des Hundeflüsterers, so wie sie
jeder im TV oder auf Videoportalen im
Internet sehen und verfolgen kann. Ich
möchte einmal zwei Beispiele herausnehmen
– zum einen, weil diese Ausschnitte
genauso dazu geeignet sind
Foto: cesarsway.com
Wissen
40 | Hundemagazin WUFF 7-8/2013
zu polarisieren wie der Darsteller
an
sich, zum anderen kann man anhand
dieser Sequenzen sehr gut und genau
erklären, was dort passiert, und vor
allem wie der jeweilige Hund die
Situationen
erleben muss.
Körpersprache und Bedrohung
Im ersten Beispiel hat Cesar Millan es
mit einem futteraggressiven Hund
zu tun. Millan setzt dem Hund einen
Futternapf vor und starrt ihn dabei
an (unablässiges Anstarren wird von
Hunden als Bedrohung wahrgenommen).
Der Hund blinzelt dabei
und schaut weg, was ein deutliches
Zeichen von Unsicherheit ist, aber
auch ein körpersprachliches Mittel,
die Situation nicht weiter eskalieren
zu lassen. Der Hund beginnt dann zu
fressen. Millan fixiert den Hund immer
noch mit seinem Blick und rückt näher
an den fressenden Hund. Der Hund
beginnt schneller zu fressen, weil für
ihn Millans bedrohliche Annäherung
bedeutet, er könnte ihm seine Nahrung,
etwas existenziell Wichtiges,
streitig machen. Millan geht immer
näher an den sichtlich schneller fressenden
und nervösen Hund heran.
Der Hund startet dann, aufgrund der
Bedrohung, die für ihn von dem Verhalten
Millans ausgeht, ein Abwehrschnappen
in Richtung der Hand
von Millan, beißt aber nicht zu. Es ist
dieses Verhalten eine deutliche Warnung
des Hundes, die besagen soll,
dass Millan diese Bedrohung nicht
weiterführen soll. Darauf schlägt
Millan
dem Hund vor den Hals, worauf
dieser zurückweicht. Er weicht immer
weiter zurück, leckt sich dabei die
Schnauze, wendet den Blick ab – sagt
damit klipp und klar, „okay, Du kannst
den Napf haben, ich bin nicht auf eine
ernsthafte Konfrontation aus“.
Man kann sich an dieser Stelle jetzt
streiten, ob diese Methode sinnvoll
ist, einem Hund einen Futternapf
wegzunehmen, und man könnte die
Gefahren und die Nebenwirkungen
einräumen. Allerdings ist es hier so,
dass Millan in dieser Situation sein Ziel
erreicht hat. Der Hund gibt den Napf
frei, weicht zurück und verhält sich
demütig. Millan fixiert den Hund aber
weiter, bewegt sich weiter auf den
sich abwendenden Hund zu und greift
mit seiner Hand noch in die Richtung
des Hundekopfes. Worauf der Hund
aus der beschwichtigenden Körperhaltung
in eine sogenannte „defensive
Drohung“ übergeht (Rute niedrig,
Ohren angelegt, abgesenktes Hinter-
Millan setzt dem Hund einen Futternapf
vor und starrt ihn dabei an,
wobei er immer näher an den fressenden
Hund heran rückt.
Der Hund startet dann, aufgrund der
Bedrohung, die für ihn von dem Verhalten
Millans ausgeht, ein Abwehrschnappen
in Richtung der Hand von
Millan, beißt aber nicht zu. Darauf
schlägt Millan dem Hund vor den
Hals, worauf dieser zurückweicht.
Millan fixiert den Hund weiter,
bewegt sich weiter auf den sich
abwendenden Hund zu und greift
mit seiner Hand in die Richtung des
Hundekopfes,
worauf der Hund aus
der beschwichtigenden Körperhaltung
in eine sogenannte „defensive
Drohung“ übergeht.
Millan möchte den vermeintlich entspannten
Hund am Kopf streicheln
– mit der Hand, mit der er den Hund
zuvor an den Hals geschlagen hat.
In dem Moment beißt der Hund in
die Hand … So präsentiert sich Cesar Millan gerne im TV – als bester Freund des Hundes ...
Foto: cesarsway.com
Fotos: youtube
Wissen
Hundemagazin WUFF 7-8/2013 | 41
teil, und die Zähne mit einem langen
Schnauzenspalt gezeigt), welche eindeutig
bedeutet, dass der Hund immer
noch keine Auseinandersetzung sucht,
aber auch bereit ist, sich im Notfall zu
verteidigen.
Daraufhin fängt der Hund an sich die
Nase selbst zu lecken und schnell mit
den Augen zu blinzeln, was bedeutet,
dass der Hund förmlich darum bittet,
in Ruhe gelassen zu werden. Aber
Millan fixiert weiter und kommt
dem Hund sogar noch näher. Dann,
nach einer ganzen Weile der für den
Hund bedrohlichen Fixierung mit den
Augen und des körperlichen Bedrängens,
lässt Millan ab und bewegt
sich etwas zurück. Der Hund legt
sich erschöpft hin, ist aber immer
noch aufgrund der vorangegangenen
Bedrohungssituation
sehr angespannt.
Das Stresssystem
des Tieres befindet
sich immer noch im Alarmzustand und
ist in einem „Verteidigungsmodus“.
In der Situation versucht Millan dem
Hundehalter nun zu erläutern, dass
der Hund entspannt ist, und möchte
den Hund am Kopf streicheln – mit
der Hand, mit der er den Hund zuvor
bedroht, ja einmal sogar an den Hals
geschlagen hat. In dem Moment beißt
der Hund in die Hand …
Therapierte Hunde schreckhaft
und unterwürfig
Später kann man dann diesen Hund
sehen, wobei er nach diesem Vorfall
nach mehreren Trainingseinheiten als
therapiert gilt. Dort sieht man mehrere
Hunde, die vermeintlich friedlich
ohne Futteraggression auskommen.
Sehr auffällig ist aber für das geübte
Auge, dass alle dort gezeigten Hunde
schreckhaft auf die Handbewegungen
von Cesar Millan reagieren und sämtliche
Hunde deutliche Symptome von
Stress und auch Unterwerfung zeigen
(Schütteln, sich die Schnauze lecken,
Rutenhaltung). Zudem wird der Hund,
der Millan gebissen hatte, in der
Situation mit einem Würgehalsband
„geführt“. Unübersehbar sieht man
„funktionierende“ Hunde, die stark
gestresst und demütig sind – auch
wenn Millan zwischendrin mit einer
Spielandeutung, die durch Händefuchteln
auch wieder stressend wirkt,
versucht, die Hunde zu entspannen.
Worauf mit Schütteln reagiert wird,
einem sicheren Zeichen, dass noch
mehr Spannung aufgebaut wurde, die
kompensiert werden muss.
Arbeit mit Strom
Ein weiteres Beispiel ist ein Fall, wo
Herr Millan dabei helfen soll, einen
Hund und eine Katze zu vergesellschaften.
Dort wird mit einem
Elektrohalsband
gearbeitet. Cesar
Millan trägt versteckt in seiner Hand
das Auslösegerät und verpasst dem
Hund sehr häufig Elektroschocks.
Millan möchte den Hund anscheinend
einschüchtern und verunsichern, was
ihm auch gelingt. Immer, wenn er das
Elektroschockgerät betätigt, stößt
er einen „Schschsch-Laut“ aus. So
möchte er dem Zuschauer vermitteln,
dass allein er als Person mit seiner
Lautgebung den Hund beeinflusst.
Dass gleichzeitig mit dem Zischen
ein schmerzhafter Stromschlag beim
Hund ankommt, wird dem Zuschauer
verheimlicht.
Der Hund wird jetzt mit der Katze
vergesellschaftet, indem der „Hundeflüsterer“
dem Hund negative Erfahrungen
beschert, wenn dieser auch
nur in Richtung Katze schaut. Ergebnis
dieses Trainings ist, dass der Hund am
Ende panische Angst vor der Katze
hat – er einen sehr hohen Stresslevel
erreicht. Er reagiert schon beim
Bekannt ist Millan auch für seine Spaziergänge mit einer großen Anzahl von
Hunden, darunter auch oft zahlreiche Pitbulls. Wie so etwas hinter den Filmkulissen
abläuft, zeigt sich hier: http://www.youtube.com/watch?v=DbJIB_CsaxA
Einsatz eines Würgehalsbandes.
Unübersehbar sieht man „funktionierende“
Hunde, die stark
gestresst und demütig sind.
Foto: cesarsway.com
Foto: youtube Foto: youtube
Wissen
42 | Hundemagazin WUFF 7-8/2013
Anblick der Katze panisch. Der Hund
möchte nur irgendwie weg, weg von
dem Ort, weg von der Katze, weg von
dem „Hundeflüsterer“.
Vergessen sollte man an dieser Stelle
aber auch die Katze nicht. Dieses
„Training“ ist natürlich auch für die
Katze beängstigend, weil die Konfrontation
mit dem Hund, ohne Möglichkeit
zur Flucht (!), auch für sie absolut
beängstigend und stressig ist.
Stärker ist allerdings die nachhaltige
Wirkung dieser Behandlung beim
Hund. Durch die Verknüpfung, die
dadurch in seinem Gehirn entstanden
ist, verbindet er Katzen mit Schmerz.
So etwas führt oft so weit, dass der
Hund schon Schmerz empfindet,
wenn er eine Katze auch nur sieht!
Extrembeispiele oder Regel?
Warum gerade diese beiden Beispiele,
mag sich vielleicht jetzt mancher
fragen. „Das sind doch Extreme“,
und anhand von Videos kann man
die Arbeit des Mannes doch nicht
beurteilen. Das ist auch schon eine
Standard-Argumentation der Millan-
Fans. Das stimmt, muss ich da sagen,
es gibt genügend Videos, die aus
einem Kontext herausgerissen werden
und tatsächliche Vorkommnisse nur
in Ausschnitten zeigen. Ich habe mir
allerdings nicht nur diese Ausschnitte
angesehen, sondern sehr viele Sendungen.
Sehr viele Stunden habe ich
geopfert, um mir ein umfassendes Bild
der Arbeitsweise dieses Mannes zu
machen – im TV. Was das allerdings
bedeutet, darauf werden wir später
noch zu sprechen kommen. Man kann
aber definitiv nicht behaupten, meine
verhaltensbiologische Beurteilung
würde sich auf wenige Filmschnipsel
oder Videosequenzen berufen. Die
genannten Beispiele sind aber symptomatisch
für die Methode, mit der
dort gearbeitet wird. Und sie zeigen
auch deutlich, auf wie viele „Kleinigkeiten“
in der Körpersprache und
Kommunikation man achten muss und
auch achten können muss, um sich
an eine fundierte Beurteilung heranwagen
zu können.
Millan: Angst und Einschüchterung
Cesar Millan arbeitet sehr oft mit
Würgehalsbändern. Zum Beispiel auch
mit diesen „doppelten“ Halsbändern,
von denen ein Teil sehr hoch am Hals,
kurz unter dem Kopf, angesetzt ist. In
dem oberen Teil ist eine dünne Schnur
eingearbeitet, die eine würgende
Funktion hat. Also, es wird mit Würgehalsbändern,
Bedrohungen und vielen
anderen Einschüchterungsmethoden
gearbeitet, was dem unbedarften
Hundehalter oft nicht einmal auffällt.
Genauso wie die feine Körpersprache
von vielen nicht erkannt wird.
Sachlich und neutral betrachtet arbeitet
Millan mit Angst, Einschüchterung
und daraus resultierendem Meideverhalten
der Hunde. Das ist nicht neu,
so wurden z.B. „Jagdgebrauchshunde“
schon vor langer Zeit ausgebildet. Ich
möchte hier gar nicht näher darauf
eingehen, dass es viele andere Möglichkeiten
gibt, Hundeverhalten zu
beeinflussen, und dass man einen
Hund nicht darauf reduzieren sollte,
ihn nur über Verbote und Abbrüche
an die menschliche Gesellschaft
anpassen
zu wollen.
Wir können aber festhalten, dass die
Methode des Herrn Millan aus verhaltensbiologischer
Sicht weder neu
noch revolutionär ist. Sie ist allerdings
durchaus effektiv, wenn man nachteilige
Folgen für die Unterdrückten
und auch deren Gefühle nicht berücksichtigt.
Fernsehen
Ein weiterer Aspekt, wenn man das
Phänomen Millan begreifen möchte,
ist natürlich das Medium, über das
seine Arbeit vermarket wird. Das
Fernsehen. Auch dazu möchte ich
einiges erklären, was dem Zuschauer
oft verborgen bleibt
Kamerateams und Geräte im Revier
Eigentlich muss man sich nur einmal
vor Augen führen, wie Fernsehsendungen
überhaupt gemacht werden.
Stellen Sie sich dazu einmal vor, ein
Hund hat, aus welchen Gründen auch
immer, ein territoriales Problem. Er
mag also nicht, wenn einzelne fremde
Personen in sein Territorium, z.B.
ins Haus kommen. Jetzt rückt ein
Kamerateam an. Nein, nicht nur ein
Team. Bei solchen Produktionen sind
es meist zwei bis drei Teams. Ein einzelnes
Team besteht meist aus einem
Kameramann, einem Redakteur und
einem Ton- und Lichttechniker. Mindestens
besteht ein Team also aus
drei Menschen plus Gastgeber, hier
Millan. Bei weiteren Kamerateams
kommen zusätzlich pro Kamera ein
bis zwei Menschen hinzu. D.h. zu
diesen Fernsehaufnahmen kommen
immer 6 bis 7 Menschen, mit großen
TV-fröhlich sieht auf diesem Foto nur einer aus. Die Ohren der Hunde stehen
auf halbmast ...
Foto: cesarsway.com
Wissen
Hundemagazin WUFF 7-8/2013 | 43
Kameras, Stativen
und teilweise sogar
Kamerakränen, um die heute beliebten
Schwenkaufnahmen zu liefern.
Das Ganze plus Ton-Angel, Licht und
Kabeln. Und alles positioniert sich
um den Hund herum, der ja gar nicht
weiß, was das bedeutet. Eigentlich
muss man kein Experte sein, um zu
verstehen, dass das für einen Hund
als außergewöhnliches Ereignis, als
Bedrohung, als purer Stress mit Ängsten
um Revier und Leben verbunden
sein muss. Allein vom Dreh sind Hunde
also in einen absoluten Stresszustand,
in Alarm versetzt. Dass diese dadurch
oft überdurchschnittlich aggressiv
reagieren, sollte nun keine Überraschung
sein!
Stress pur
Hunde, die nach vorne gehen, um
diese absolute Ausnahmesituation
zu bewältigen, werden dann oft von
Herrn Millan gekickt und auf den
Boden gedrückt – wie schon vorher
beschrieben. Das kommt für die
Kamera hervorragend rüber. Ob der
Hund dabei beschwichtigt, oder wie
Wissen
Der sozialpsychologische Aspekt
Warum es aus sozialpsychologischer
Sicht dazu kommen kann, dass Personen
wie Cesar Millan so viel Aufmerksamkeit
bekommen, ist ein weiterer
Aspekt, mit dem man sich in diesem
Kontext beschäftigen sollte. Um dies aus
unvoreingenommener
Sicht zu durchleuchten,
habe ich der Sozialpsychologin
Dr. Diana Boer von der Goethe-Universität
Frankfurt einige Fragen zu dem
Thema gestellt. Dr. Boer kann das
Phänomen
sozusagen von „außen“
betrachten, weil sie kein Bestandteil der
Hundeszene ist.
„Warum reagieren Anhänger einer
Meinung, einer Philosophie oder
einer speziellen Person oft sehr
stark bis aggressiv, wenn jemand die
Meinung nicht teilt?“
Dr. Boer: „Diese extremen Reaktionen
treffen besonders auf Meinungen,
Einstellungen oder Werte zu, die eine
große persönliche Wichtigkeit haben.
Bei unterschiedlichen Meinungen über
Zahnpaste (wir gehen mal davon aus,
dass Zahnpasta nicht wirklich wichtig
ist) kommt es eher selten zu ernsthaften
Streitereien oder Aggressionen.
Jedoch wenn jemandem eine Meinung
oder Philosophie sehr wichtig ist, dann
kann diese Meinung zum Teil seiner/
ihrer Identität werden. Einstellungen
können also identitätsstiftend sein.
Wenn nun ein Gesprächspartner einer
völlig anderen Meinung ist, dann kann
dies als Infragestellen der eigenen
Identität wahrgenommen werden. Eine
Meinungsverschiedenheit z.B. über den
Musikgeschmack oder die Tiererziehung
wird somit zu einer Identitätsfrage. Wir
mögen es natürlich nicht sonderlich,
wenn unsere Identität oder Wertvorstellung
in Frage gestellt wird. Daher kann es
zu solch intensiven Reaktionen kommen,
die oft dem Selbstschutz dienen.“
Gibt es spezielle Merkmale von
Personen,
die eine besonders starke
Meinungsabhängigkeit von Personen
oder Philosophien haben?
Dr. Boer: „Ich denke, dass jeder Mensch
dazu neigt, nach richtungsweisenden
Leitlinien zu suchen, um ein eigenes
Wertesystem aufzubauen. Dies
geschieht schon früh in der Entwicklung
(das Wertesystem verfestigst sich in
der Pubertät). Wo diese Richtungsweisung
gesucht wird, ist individuell sehr
unterschiedlich, dies können Religionen,
Philosophien, elterliche Werte oder
Einflüsse im Freundeskreis sein, um nur
einige zu nennen. Oft kommt es bei der
Wahl darauf
an, welche Angebote in der
Umgebung zur Verfügung stehen, aber
auch auf Persönlichkeitseigenschaften.
Es gibt Individuen, die besonders dazu
neigen, anderen zuzustimmen (mit dem
Ziel der sozialen Harmonie), und dann
gibt es Personen, die grundsätzlich
anderer Meinung sind.“
„Die“ absolute Wahrheit gibt es
ja bekanntlich nicht. Dennoch
gibt es durchaus empirisch gut
unterfütterte
Fakten. Was ist das
„Geheimnis“, wie die vermeintlichen
Gurus komplett
unbewiesene
„Wahrheiten“ als die einzig wahre
Wahrheit verkaufen?
Dr. Boer: „Eine überzeugende Kommunikation
ist das A und O. Wer seine
„Wahrheit“ gut herüberbringen kann und
authentisch dabei wirkt, hat gute Chancen,
einen starken Einfluss auf andere zu
haben.“
Woran liegt es in erster Linie, wenn
Menschen sich auf eine Philosophie,
einen Menschen konzentrieren? An
der Philosophie, dem „Verkäufer“
oder dem „Käufer“ der vermeintlichen
Wahrheit?
Dr. Boer: „Diese Frage kann nicht eindeutig
beantwortet werden. Es wäre
zu einfach zu sagen, dass die Verkäufer
allein schuld sind, oder dass die Hauptschuld
bei den Käufern liegt. Ich denke,
dass eine Kombination aus einer starken
Philosophie, einem überzeugenden Verkäufer
und einem willigen Käufer gute
Voraussetzungen für eine Beeinflussung
anderer sind.“
Gehören gegensätzliche „Lager“,
auch extreme, zur normalen Struktur
der menschlichen Gesellschaft?
Brauchen Menschen gar diese
extremen
Gegensätze?
Dr. Boer: „Partei A oder Partei B? BMW
oder Mercedes? Hund oder Katze? Karriere
oder Selbsterfüllung? Bier oder
Wein? Fußball oder Basketball? Mieten
oder kaufen? Hiphop oder Rock/Metal?
Fleisch oder Tofu? Zu vielen dieser
Gegensätze haben wir eine eindeutige
Meinung. In westlichen Gesellschaften
wird es uns in die Wiege gelegt, unsere
eigenen Präferenzen, Vorlieben und
Meinungen klar zu definieren und eine
Identität um Präferenzen und Meinungen
herum zu entwickeln.
Diese werden
oft konsistent
verfolgt, um sich
selbst nicht zu
widersprechen.
Daher sehen wir
Gegensätze in
allen möglichen
Strukturen.“
Interview mit Dr. Diana Boer
Dr. Diana Boer
Sozialpsychologin, Institut für Psychologie,
Goethe Universität Frankfurt
44 | Hundemagazin WUFF 7-8/2013
er sich fühlt, wie er die bedrohliche
Situation einschätzt, all das wird dabei
vollkommen außer Acht gelassen.
Durchsetzens um jeden Preis. Wie
bereits erläutert stoppt er das Bedrängen
auch nicht, als der Hund schon
längst dabei ist, sich zurückzuziehen
und nur um Frieden bittet. So provoziert
Millan, dass der Hund knurrt, die
Zähne zeigt – kurzum, es ist Action
da, es sieht wieder einmal so aus, dass
man es für „spannende“ Fernsehunterhaltung
nutzen kann. Es scheint
dabei egal zu sein, was der Hund körpersprachlich
„dazu sagt“, was er fühlt.
Action für den TV-Konsumenten ist
augenscheinlich das, was zählt.
Unspektakuläre Lösungen im
realen
Leben
Bleiben wir noch bei dem futteraggressiven
Hund, weil Millan-Fans
oft behaupten, dass die im TV gezeigten
besonders schwierigen Fälle (von
Millan
„Red-Zone-Hunde“ genannt)
von anderen Trainern nicht gelöst
werden könnten, weil sich da auch
niemand
herantrauen würde. Nun,
solch einen Hund wie den genannten
habe ich persönlich ca. einmal pro
Woche in meinem Berufsleben. Dort
wird dann mit dem Besitzer zusammen
geübt, dem Hund ein Alternativangebot
zum Napffutter zu machen. Ihm
z.B. als Tausch ein besonders leckeres
Stück Käse oder Wurst zu reichen. Das
Ganze wird mit speziellen Wörtern
verbunden und so lange geübt, bis der
Hund, wenn nötig, dann schon sogar
auf die eingeübten Wörter (z.B. „Gib es
mir“ oder „Lass los“ etc.) so reagiert,
dass er vom Futter ablässt, weil er
etwas Besseres erwartet. Das muss
man natürlich entsprechend einüben,
ist aber wirklich keine große Sache. Bei
Hunden, die ihre Nahrung so verteidigen,
wie im eingangs beschriebenen
Beispiel, habe ich praktisch zu 100%
Erfolg mit der Tauschmethode. Und,
man darf es fast gar nicht sagen, als
Therapeut brauche ich dafür vielleicht
zwei Sitzungen beim Hund und
seinem
Halter. Es ist also vollkommen
unspektakulär.
Und darum ist es auch
nicht tauglich für die Kamera …
Fazit
Wenn man also die Aspekte der Verhaltensbiologie
(Unterdrückung als
altes und heute überholt geltendes
Quellen
alle bei youtube, am 20.04.2013
n Video Futteraggression:
http://www.youtube.com/
watch?v=wiSS97ve2Iw
n Futteraggression

therapiert“:
http://www.youtube.com/
watch?v=yXE-fwI0SWU
n Vergesellschaften von Hund
und Katze mittels Teletakt:
http://www.youtube.com/
watch?v=GptupfqLYwc&feature
=player_embedded
n Gruppenspaziergang mit
Pitbulls:
http://www.youtube.com/
watch?v=DbJIB_CsaxA
Es gibt aber auch noch andere Hunde,
nämlich diejenigen, die in einer solchen
Situation als Strategie nicht den Gang
nach vorne suchen, sondern die davor
flüchten möchten. Doch das wird
ihnen verwehrt!
Also, die Situation eines Drehs ist vollkommen
unnatürlich für den Hund. Es
stresst und ängstigt praktisch jeden
Hund, nur jeder Hund versucht den
Stress anders zu bewältigen. Und wir
sprechen hier nicht von Stress in einem
Ausmaß, wie er zum normalen Leben
gehört. In den Augen des Hundes geht
es hier um eine existenzielle Bedrohung.
Sicher zeigen einige der in den
Sendungen vorgeführten Hunde auch
im normalen Leben ein Problemverhalten.
Aber ob das in der Kamerasituation
realistisch gezeigt wird, bleibt
fraglich. Und, was bei Fernsehdrehs
dieser Art Gang und Gäbe ist, das
„gewünschte“ Problemverhalten wird
oft kameratauglich provoziert.
Hat man z.B. einen leinenaggressiven
Hund und zeigt er dieses Verhalten
nicht vor der Kamera, wird er so lange
„motiviert“, bis er das Verhalten dann
kameratauglich zeigt. Wenn man also
weiß, wie etwas hinter der Kamera
funktioniert und fernsehtauglich
aufbereitet wird, mutet es schon
merkwürdig an, wenn immer Millan-
Kritikern vorgeworfen wird, sie sollten
Hundeverhalten nicht anhand von
Videosequenzen beurteilen, sondern
sich die ganzen Sendungen ansehen.
Diese Sendungen sind Hollywood, sie
sind gestellt, das Verhalten wird provoziert.
Was man mit geübtem Auge
aber erkennen kann, ist das Stressund
Kommunikationsverhalten des
Hundes, und das ist unverfälscht!
Kameratauglich in Szene setzen
Kommen wir im Zusammenhang mit
der Art und Weise, wie etwas für das
Fernsehen „vorbereitet“ wird, noch
einmal zurück auf den zu Beginn des
Artikels beschriebenen Fall des Hundes
mit der Futteraggression, dem Verteidigen
des Futters am Napf.
Cesar Millan beschreitet dort den Weg
des Bedrängens, des Bedrohens, des
Wissen
Hundemagazin WUFF 7-8/2013 | 45
Mittel), des Mediums Fernsehen
und der Sozialpsychologie nüchtern
anschaut, kann man sich das Phänomen
Cesar Millan durchaus sachlich
erklären. Ich persönlich habe, bei aller
Sachlichkeit, allerdings immer ein sehr
schlechtes Gefühl, wenn ich an die
Hunde denke …
Zusätzlich zu den nüchternen Analysen
polarisiert die Figur Cesar Millan in
seiner extremen Erziehungsmethode
wohl bewusst, weil nur über polarisierende
Menschen viel berichtet wird –
positiv wie negativ. Sie sind auf jeden
Fall in aller Munde. Dann garniere man
das Ganze mit pseudowissenschaftlichen
Schlagworten (z.B. „Red Zone“),
streue etwas Esoterik (z.B. „Energien“)
ein und bediene sich zudem der emotional
bewährten Geschichte „vom
Tellerwäscher zum Millionär“. Hier vom
armen mexikanischen Jungen zum
Hundeflüsterer in Hollywood. Schon
sind die Grundlagen für eine medial
gut zu vermarktende Karriere gegeben.
Nicht immer in dem Ausmaß wie
bei Herrn Millan, aber die Grundzusammensetzung
dafür ist vorhanden.
H_54x240_Ergaenzung.indd 1 16.01.13 10:22
Es lässt sich also durchaus sagen, dass
dieses Polarisieren ein Mittel zum
Zweck ist – zum wirtschaftlichen
Zweck! Ob es auch wirklich darum
geht, ernsthaft Menschen oder gar
Hunden zu helfen, bleibt fragwürdig.
Würde man die Tiere dann unnötig
stressen und deren Signale komplett
übersehen (bewusst oder aus
Unwissenheit)?
Und nur auf kamerataugliche
Action setzen?
Ich persönlich wünsche mir, dass
Hundehalter
mehr auf ihre Hunde,
deren Empfindungen und Signale
achten und auch mal selber denken,
anstatt sich an Hollywoodproduktionen
zu orientieren, die nicht ernsthaft
real sind. In der Hundeerziehung
gibt es, wie eingangs schon erwähnt,
kein eindeutiges „Gut“ oder „Böse“,
keine eindeutigen Wahrheiten und
auch keine
einheitlichen Moralvorstellungen.
Trotzdem sollte man
bei der Einschätzung
eines medialen
Phänomens darauf hinweisen, dass
sich Wahrheiten vor und hinter dem
Bildschirm ebenfalls deutlich unterscheiden!
D
Wissen
Vorgestellt
Thomas Riepe ist vielen WUFF-Lesern
durch seine Artikel sowie auch die Serie
„Starke Sprüche“ bekannt.
1964 in Lippstadt (NRW) geboren
ist Thomas Riepe in Anröchte (NRW)
aufgewachsen,
wo er auch heute mit
seinen aktuell zwei Hunden lebt.
Schon seit Anfang der 1990er Jahre
reist der Autor durch die Welt, um das
Verhalten der Tiere zu studieren, seit
1997 mit Schwerpunkt bei den Hundeartigen.
Diese Reisen führten durch Teile
der USA, Kanada, Mexiko, Afrika, Asien
und Australien.
Seit 2004 arbeitet Riepe als Tierpsychologe,
ist zudem als Referent
tätig und schreibt regelmäßig Artikel
für die kynologische Fachpresse. Er
veröffentlichte
bisher sieben Bücher,
unter anderem
„Herz, Hirn, Hund“
und „
Da muss er durch“. Seit 2011 ist
er Chefredakteur
des Fachmagazins
CANISUND, das sich neben Haushunden
auch mit den Wildhunden dieser Erde
beschäftigt. Die Talkshow „Riepes
Hundetalk“ (mit Thomas Riepe als Gastgeber)
läuft seit 2012 sehr erfolgreich
beim TV-Lernsender NRWISION.
Tierpsychologe Thomas Riepe
mit seinen
beiden Hunden Puzzel und Koka.

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